Entspannungswelten

bullet1 Tee - das alltägliche Luxusgut

bullet2 Der Trank des Kaisers

Die Legende des Tees
Durch einen Windstoss wurde der chinesische Kaiser Shen Nung im Jahre 2737 v. Chr. zum ersten Teetrinker der Welt. Der Herrscher kochte gerade Wasser im Schatten eines Baumes, da fiel zufälligerweise ein Blatt des Strauchs in seinen darunter stehenden Kochtopf. Fertig war der erste Tee. So viel zur Legende.

Ob dem Kaiser der Trunk gemundet hat, ist nicht überliefert. Eines aber ist klar: Es muss Grüntee gewesen sein. Da ist sich Peter Oppliger absolut sicher. Denn am Anfang war der Tee grün. "Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben die Engländer den Grüntee <versiechet>, indem sie aus ihm Schwarztee machten". Dass Peter Oppliger die Briten so freimütig der Frevlerei bezichtigt, wurzelt in seiner tiefen Überzeugung, dass Grüntee nicht nur schmackhaft, sondern - im Unterschied zum schwarzen Tee - vor allen Dingen auch gesund ist. Peter Oppliger ist dem Grüntee verfallen. Seit mehr als 20 Jahren. Zahlreiche Broschüren hat der 62-jährige Drogist und Naturheilkundespezialist aus Luzern in der Zwischenzeit seinem Lieblingskraut gewidmet und zwei Bücher darüber geschrieben. Eines davon wird gerade auf Chinesisch übersetzt. Zweimal trat der Schweizer im japanischen Fernsehen auf und erklärte der grössten Grüntee-Nation der Welt, was ihn selber an dieser Pflanze so fasziniert. Und erst kürzlich wurde er von der japanischen Regierung als Referent zum Welt-Tee-Symposium eingeladen. Ist der erfolgreiche Buchautor gerade nicht in Japan, leitet er die Schweizer Fachstelle für Grüntee und betriebt die Bahnhof-Apotheke in Luzern. Peter Oplliger ist nicht der einzige Schweizer, der auf den Geschmack des grünen Tees gekommen ist. Zwischen 1995 und 1999 ist der Grüntee- Import in der Schweiz um das Elffache angestiegen. In jedem fünften einheimischen Haushalt wird heute Grüntee getrunken, wie eine Studie des Marktforschungsinstituts IHA in Hergiswil zeigt. "Die Menschen achten vermehrt auf ihre Gesundheit", erklärt Peter Oppliger den Boom. Und gesund ist Grüntee, glaubt man wissenschaftlichen Untersuchungen.

Grüntee soll gegen Karies helfen
Bereits 1976 veröffentliche das indische Medical College von Kalkutta eine Grüntee- Studie. Sie zeigte, dass die Pflanze den Cholesterinspiegel senkt und damit der gefürchteten Gefässverengung, die zu einem Herzinfarkt führen kann, vorbeugt. Und japanische Forscher entdeckten, dass Grüntee aufgrund seiner antibakteriellen Wirkung Karies verhindern helfen kann. Mittlerweile wird der grüne Tee weltweit erforscht, und immer wieder stossen die Wissenschaftler auf Verblüffendes: So soll Grüntee die Konzentration erhöhen, bei Depressionen und Rheumatismus helfen, Herz und Kreislauf stärken, den Blutzuckerspiegel bei Diabetes senken, Magen- und Darmprobleme lindern, entzündungs- und virushemmend sowie harntreibend und entgiftend wirken. "Grüntee", sagt Peter Oppliger, "ist der Tee unserer Zeit. Er hilft bei zahlreichen Zivilisationskrankheiten."
Eine der modernsten Studien untersuchte, ob sich mit Grüntee auch Krebs vorbeugen lässt. Dem japanischen Mediziner Hirota Fujiki, Direktor des Saitama-Krebs-Forschungsinstitut, war aufgefallen, dass im grössten Teeanbaugebiet Japans weit weniger Menschen an Krebs sterben als im übrigen Land und Magenkrebs in diesem Landstrich beinahe unbekannt ist. Fujiki konnte nachweisen, dass Grüntee anti-oxidativ wirkt und so genannte freie Radikale, die als krebsfördernd gelten, unschädlich macht.
Im Unterschied zu Ländern wie China, Indien, Taiwan und Indonesien, die auch Schwarztee herstellen, produziert Japan seit 800 Jahren ausschliesslich Grüntee. Deshalb wird dieser Tee auch hauptsächlich in Japan erforscht. Doch nicht nur. Auch in der Schweiz gibt es Studien und Resultate. Urs Rüegg, Professor an der Universtität Lausanne, hat erst kürzlich die Wirkung von Grüntee bei einer besonderen Form von Muskelschwund untersucht. Und dabei festgestellt, dass der grüne Tee das Absterben der Muskelzellen verlangsamt.
Wichtiger Vitaminlieferant
Seine gesundheitsfördernde Wirkung verdankt Grüntee hauptsächlich einer Substanz: Epigallocatechingallat heisst der Zungenbrecher, kurz EGCG genannt. "Das ist der Hauptwirkstoff im Grüntee", erklärt Peter Oppliger. Daneben ist Grüntee ein wichtiger Vitaminlieferant, vor allem die Vitamine C, E und B12 sind reichlich vorhanden. Neben wertvollen Eisenverbindungen und Spurenelementen enthält Grüntee auch Koffein, früher im Tee auch Thein genannt. "Koffein erweitert die Gefässe", erläutert der Drogist. "Dadurch gelangen die übrigen Wirkstoffe des Grüntees schnell über das Blut zu den entsprechenden Organen." Das Koffein im Grüntee kann aber noch mehr. "Es steigert die Motivation beim Wandern", erzählt der begeisterte Bergler Oppliger. Und auch Golfspieler profitieren. "Im Rahmen von Studien haben mir einige Golfer berichtet, dass sie nach dem Genuss von Grüntee die letzten neuen Löcher besser gespielt hätten als die ersten neun. "Koffein als Konzentrationsförderer - könnte man da nicht ebenso gut Kaffee oder Cola trinken? Oppliger winkt ab: "Koffein im Coca-Cola erhöht den Blutdruck, im Kaffee regt es den Blutkreislauf an. Im Grüntee aber fördert Koffein die Durchblutung der Hirngefässe. Gründtee regt an, nicht auf."
Bancha, Sencha und Guricha
Weltweit sind rund 200 Sorten Grüntee auf dem Markt. Jede Sorte besitzt dieselben wertvollen Inhaltsstoffe. Aber nicht jeder Grüntee enthält gleich viel Koffein. Bancha zum Beispiel, mit seinen langen Blättern, ist arm an Koffein. "Ein idealer Familientee", sagt Oppliger. Einsteigern empfiehlt der Grüntee-Experte einen Sencha. "Das ist der meistgetrunkene Tee in Japan." Oppligers persönlicher Favorit ist der Guricha der das Wasser in der Tasse deutlich grünlich färbt. Unklar ist, wie viele Tassen man trinken muss, um von der gesundheitsfördernden Wirkung des grünen Tees profitieren zu können. "Vier bis sieben Tassen täglich halte ich für ausreichend", sagt Oppliger. Am besten verteilt über den Tag. Und wie viel trinkt er selber? "Einen bis anderthalb Liter pro Tag". Zwischendurch genehmige er sich aber auch einmal Lindenblüten- oder einen Kamillentee. "Die sind ebenfalls gesund", bestätigt der Drogist.
Alle Inhaltsstoffe sind wichtig
Das gesteigerte Interesse gesundheitsbewusster Geniesser am Grüntee freut Peter Oppliger. Weniger freut ihn, dass der Boom der letzten Jahre auch grosse Pharmafirmen auf den Plan gerufen hat. Allen voran Roche. Die Basler Chemiker wollen den Hauptwirkstoff EGCG aus den Grüntee-Blättern isolieren und die Reinsubstanz der Lebensmittelindustrie anbieten. "Ein Schmarren", nervt sich Oppliger. "Man darf die Teepflanze nicht auf einen einzigen Wirkstoff reduzieren. Sämtliche Inhaltsstoffe im Gründtee sind wichtig." Nahrungsmittel mit Grüntee-Extrakt gibt es bereits. Rivella und Ricola packten als Erste den Tee in die Flasche beziehungsweise ins Bonbon. Mittlerweile gibt es auch Zahnpasta und Kosemtika mit Grüntee. Und einige Bäckereien bieten ihren Kunden sogar Grüntee-Brot an. Eine fürchterliche Vorstellung für Oppliger. "Nach dem Backen bei 300 Grad sind garantiert alle gesunden Bestandteile des Grüntees zerstört." Für ihn ist deshalb klar: "Am gesündesten ist immer noch, Grüntee zu trinken."

aus Tages-Anzeiger: http://www.tages-anzeiger.ch/ta/rcOnlineArtikel?ArtId=154508. Peter Oppliger ist Drogist und Grüntee-Experte.


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    Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 31. Dezember 2011. Copyright by Martin Tschopp